Devin Townsend
Devin Townsend
Interview
Wer kennt ihn nicht: Devin Townsend. In den letzten Wochen sind gleich zwei hochklassige Alben aus seinem Stall entsprungen: Strapping Young Lad’s "SYL" und "Accelerated Evolution" von der Devin-Townsend-Band. Aus diesem Anlass ist das Multitalent auf Tour mit seinen beiden Projekten Strapping und liess sich mal wieder in Hannover blicken (Livereview dazu folgt). Für uns nahm er sich die Zeit, um sich unseren Fragen zu stellen.
Rob: Es war garnicht lange her, daß ihr in Hannover gespielt habt. Gibt es einen Grund dafür, daß ihr so häufig in Europa tourt?
Devin: Wenn ich das bloß wüßte… ich würde lieber zuhause bleiben. Aber wir scheinen weiterhin gebucht zu werden und der Release der beiden Alben benötigt Promotion. Und die Tatsache, daß wir mit den anderen Bands auf Tour gehen macht es zu einer neuen Sache.
Gehst du denn gern auf Tour?
Nicht wirklich. Es ist einfach Teil des Business.
Wie waren die Reaktionen auf die neuen Alben?
Wirklich gut, bei beiden.
Mir erschien es immer, daß du einen Trennlinie zwischen SYL und deinen Soloprojekten machst. Beim Line-Up gibt es keine Überschneidungen. Bist du der Ansicht, daß sich deine Soloprojekte nicht mit SYL live umsetzen lassen?
Ja, ich hab’s versucht. Aber es hat nicht so recht funktioniert. Ich mein, es war gut. Nur war es nicht richtig. Es ist so: die Typen, die das Devin Townsend Zeug spielen, für die ist es genau das was sie spielen wollen. Die Jungs bei Strapping (Young Lad) wollen wiederum Strapping spielen, und da ist die Trennlinie. Nun, bezogen auf mich… Musik ist sozusagen nicht das ‚endgültige Ding‘ in der Kunst, das ganze Projekt ist zu diesem Zeitpunkt die Trennung. Ich bin mir sicher, in Zukunft wird wieder alles in einem Projekt zusammengefasst und dann wieder getrennt sein und so weiter. Aber derzeit ist das Projekt beide Gegensätze zu haben. Man repräsentiert beides… es ist schon ein wenig eigenartig.
Wer sind eigentlich die Mitglieder der Devin Townsend Band? Ist es ein festes Line-Up?
Ja, es sind Freunde von mir aus Vancouver. Wirklich talentierte Leute, sie hatten bis jetzt noch nicht die Gelegenheit zu touren oder eigenes Material zu veröffentlichen. So ist das hier eine Art ‚erstes Mal‘. Wir haben eine gute Energie als Resultat daraus, sie haben viel Eifer und ich unterstütze sie.
Mein erster Eindruck vom neuen Album „Accelerated Evolution“ war, daß erstmals wieder die Atmosphäre von Ocean Machine aufgegriffen wurde. War das eine Intention?
Zu einem gewissen Grad schon. Als ich Ocean Machine veröffentlichte habe ich zur gleichen Zeit „City“ über Strapping Young Lad rausgebracht. Nun veröffentliche ich eine neue Strapping-Scheibe und so kommt etwas in der Richtung von Ocean Machine. Man hat 2 Emotionen, Ocean Machine und Strapping. Die Musik des neuen Albums fällt in diese Kategorie, es ist auf der Ocean Machine Seite. Es nicht Ocean Machine, aber es hat diese Energie.
Es gibt also keine enge Verbindung, kein Konzept zwischen den Soloalben?
Ich denke darüber garnicht nach. Die Musik ist mehr so die Scheiße, die am Ende eines Jahres herauskommt. Mein Leben ist, was wirklich wichtig ist. Man geht durchs Leben, macht Erfahrungen, trifft Leute, meine Frau, meine Familie und all dieses… aber weil ich ein Musiker bin und mein Gehirn so funktioniert, ergibt sich aus als diesen Erfahrungen, das meine Musik jedes Jahr etwas anders klingt. Es wird zwar immer nach mir klingen, aber ich bin als Person gespalten, so wie auch jeder 2 Seiten in sich hat. Die ganze Idee dahinter ist, beide Seiten anzuerkennen um sich davon abzusetzen. So hat man Strapping und Ocean Machine, aber man ist nicht wirklich beides zugleich, sondern hat die Kontrolle über beides.
Warum hast du Strapping Young Lad wieder ins Leben gerufen? Gibt es dafür einen bestimmten Grund?
Ich bin durch sehr schwere Zeiten gegangen bevor ich began Medikamente zu nehmen. Und das hat die Jungs von Strapping in gewisser Weise mitgeschliffen und sie traten für eine Weile als Devin Townsend Band auf. Es war nicht das, was sie machen wollten. Als der Krieg began und ich wieder Ängste bekam, dachte ich mir: laßt uns die Energien innerhalb der Strapping-Band ausnutzen. Wenn wir uns sammeln, könnten wir etwas cooles zusammenbasteln. Ausserdem empfand ich, daß ich es ihnen schuldig war und im gewissen Maße auch den Fans gegenüber. Zum anderen wollte ich jeden zum Schweigen bringen, so im Sinne von „selbstverständlich kann ich Strapping machen“. Ich habe schliesslich auch anderes zu tun.
Ist das Strapping Young Lad-Ding langfristig angelegt oder wird es wie bei „City“ eine kurze Reunion bleiben?
Wir haben erstmal „SYL“ fertiggestellt. Dann werden wir eine EP und eine DVD machen, Ende diesen Jahres bzw. Anfang nächsten Jahres. Wir haben noch viel Touraktivitäten vor uns. Danach habe ich keine Pläne. Ich möchte, daß jeder Strapping in guter Erinnerung behält anstatt es der Kontinuität wegen weiterzumachen… das wäre verdammt langweilig.
Was wird es denn auf der DVD zu sehen geben?
Es werden Live-Sachen sein, all die Videos, Backstage… und all der Kram.
Du hast erwähnt, daß du schwierige Zeiten hinter dir hast. Wie fühlst du dich mittlerweile?
Gut. Ich habe eine positive Sicht auf die Dinge. Ich habe gelernt zu lügen und das selbe zu sagen ohne damit in Schwierigkeiten zu geraten. (…) Ich bekomme Medikamente und sie machen mich ruhig oder subversiv, je nachdem wie man es betrachtet. Es war nicht so sehr eine harte Zeit… ich habe zuviel herumgedacht, geredet ohne nachzudenken und die falschen Leute haben es zu hören bekommen. Man muß halt vorsichtig sein. Derzeit bin ich verwirrt wie jeder. Vielen Leuten geht es gerade sehr dreckig, aber es gibt immer noch positive Dinge in der Welt. Leute, die die Musik mögen und darauf positiv reagieren. Und was meinen Kopf betrifft, geht es mir gut.
Das neue Soloalbum ist ein erstaunlich positives Album geworden. Es gibt ungefähr 2 Tracks, die vom Stil her sehr poppig anmuten. Ist das vielleicht die Richtung, die du in Zukunft einschlagen wirst?
Ich weiß nicht, ich mag viele verschiedene Sorten von Musik wie Def Lepard, Emperor, Ween, klassische Musik, Abba oder was auch immer, solange es gut ist. Wenn ich die Idee zu einem Popsong habe, dann schreibe ich einen Popsong.
Was ist dieses „Project EKO“? Es ist ja der Erstauflage von „Accelerated Evolution“ als 2te CD beigelegt?
Eventuell mach ich mehr davon, aber dann mit Gesang und Gitarre und so weiter. Etwas Bonusmaterial, das auf meinem Computer war. Manches ist gut, manches etwas zu lang. Doch es ist cool. Hör es dir morgens als erstes an und trink einen Kaffee.
Es gibt ja noch viele Aufnahmen und Demos, die unveröffentlicht oder besser gesagt nur über deine Webseite erhältlich sind. Werden diese Raritäten mal veröffentlicht?
Jetzt nicht. Ich plane so etwas wie ein umfassende Devin-Townsend-DVD, ungefähr 6 Monate nach der Strapping DVD. Aber es wird mehr eine Zusammenstellung aller Songs sein, so dass es ein neues Album ergibt. Es sind zwar die selben Songs, aber es wird Zwischenstücke geben. Die besten Momente dieser Alben in einem Album/DVD. So kann man was vom neuen Album herauspicken und auch was von den Demos draufpacken.
Du agierst seit einer ganzen Weile als Produzent. Hast du vor in Zukunft vor, mehr für andere Musiker zu arbeiten?
Ich denke, wenn ich älter werde, werde ich wahrscheinlich bei dieser Tätigkeit enden, sozusagen ausschliesslich. Man sitzt im Studio und jemand bringt mir Kaffee…
Ist es aus finanziellen Aspekten?
Nein, es hält mich zuhause.
Und welche Bands wird als nächstes von dir produziert? Ist da schon was geplant?
Es gibt drei, vier Bands, die mit mir dieses Jahr ein Album aufnehmen wollen. Es gibt soviele Sachen die ich mache, es kommt mir vor wie „okay, ich mache dies jetzt… okay ich mache das jetzt“. Und am Ende des Jahres heißt es „ey, du machst ja so ziemlich jeden Mist.“
Kannst du überhaupt von der Musik leben?
Wenn du schlau bist, kannst du Geld machen mit dem, was auch immer du tun willst. Ich habe eine schlaue Ehefrau. (lacht)
Kryz: Hast du darüber nachgedacht, Kompromisse zu machen? Vielleicht des Geldes wegen?
Ich denke, daß ich Kompromisse auf ironische Art machen kann. Zum Beispiel die neue Devin-Townsend-Scheibe. Das Album ist wirklich poppig, einfach zu hören, mit gelungener Produktion und guten Lyrics. Eine den Instinkt befriedigende Scheibe. Es ist nicht die komplizierteste Scheibe, die ich je gemacht habe, aber gleichzeitig liebe ich es. Und das nächste Album, das ich mache, wird in keinster Weise so sein. Die nächste Platte die ich mache wird progressiv und düster, mit langen Songs, mal ruhig und dann super-heavy. Den einzigen Kompromiss den ich gemacht habe ist, daß ich ein Album aufgenommen habe, das nicht viel Aufmerksamkeit erfordert. Ich gebe zu einen Kompromiss gemacht zu haben, aber nicht weil ich das Gefühl hatte es wäre notwendig, sondern weil ich es machen wollte. Immer wenn ich „Terria“ anmache, dann verlangt es mir sehr viel ab. Man muß aufmerksam zuhören und es ist so introvertiert, daß man sich in einer kleinen Welt befindet, was wirklich klasse ist. Diesmal wollte ich mich nicht verstecken, sondern etwas machen im Sinne von „hört her, dies ist was ich mache“. (…) Jetzt ist die Zeit um etwas leichtes zu hören. Im Gegenzug zu diesem Kompromiss habe ich 2 Alben anstelle von einem gemacht. (lacht)
Rob: Wie steht es mit der Fanbasis? Hast du das Gefühl, dass deine Popularität gewachsen ist?
Ja, aber ich denke, es ist absehbar wenn man lang genau dabei ist. Ich mein, wenn du hart arbeitest, talentiert bist und dabei bleibst. Es geht soviel Scheiße in der Musikindustrie ab, daß viele… und ich selbst ständig aufhören möchte. Und wenn man’s nicht tut, ist man plötzlich 30 und hat stets Leute auf einem kleinen Gig wie heute abend oder wie in Paris, wo’s sehr groß war.
Siehst du dich selbst als Teil der Metalszene?
Nein. Ich denke ich bin ein Teil der Metalszene, aber ich nehme das nicht so ernst. Die Szene ist dumm, um darin zu sein.
Kryz: Es erscheint mir, daß du kein großer Planer bist.
Du wirst überrascht sein…
Man hat den Eindruck, dass du von Album zu Album springst, so als ob du nur für den Moment lebst.
Nun, weil ich mental gesplittet bin, tendiere ich zu einem Leben von einem Moment zum nächsten und auf der anderen Seite schreibe ich darüber.
Rob: Was hälts du von den aktuellen Bands im Metalgenre? Irgendwelche Favouriten?
Ich mag Meshuggah, mit denen gehen wir auf Tour nächsten Monat. Ich mag Opeth, Godflesh. Ich mag auch manches aus dem Black Metal.
Wie ist es bei euch in Vancouver, gibt es eine Art Szene? Spielt ihr dort häufiger?
Nicht wirklich. Vancouver ist mehr eine Art Versteck. Man geht dorthin und spricht mit niemandem.
Also isolierst du dich.
Sogar ziemlich. Dass die Leute wissen wer man ist, macht es sehr eigenartig.
Kryz: Weil sie sich nicht normal verhalten.
Nein, das tun sie nicht. Leute hören die Musik und wenn diese ihnen etwas bedeutet, dann projezieren sie es auf jenen, der die Musik geschaffen hat. Für mich ist die Musik einfach unzureichend, nur ein Weg das ganze Zeug aus meinem System zu bekommen. Ich bin ein fehlbares Stück Scheiße und ich brauche ein Jahr, um etwas zusammenzusetzen bei dem man den Eindruck hat, daß ich es nicht bin. Weil ich es schon solange mache und die Strapping oder Devin-Townsend-Band zusammenkriege, lässt es mich erscheinen als ob ich mehr drauf habe als es eigentlich der Fall ist. (…) Der Punkt ist, ich bin auch nur wie ihr, ich habe meine Art mich auszudrücken. Mich freut es, wenn Leute mein Talent mich auszudrücken anerkennen, aber es sollte nichts geben das mich zu jemand anderem macht.
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